Heinrich von Veldeke - Leben und Werk *

 

(1) Heinrich von Veldeke in Kleve

 

daz waz uon Ueldiche Heinrich.

daz ist genugen wizzenlich,

daz er es tichten chunde.

er hete ein lange stunde,

do er daz mere teil het getichtet,

in tivsche het berichtet,

vncz daz der herre Eneas

frawen Lauinen brief gelas,

vnd woltes uolbringen.

do beleip es uon einen dingen.

er liez es durch einen chleinen zoren.

er hete daz buchelin uerloren,

er liez ez einer frawen

ze lesine vnd ze schawen,

e danne man es uol schribe.

daz was div grauinne von Chleve,

div milte vnd div gute

mit dem frien mute.

div chunde wol herleiche geben.

vil tugentleich waz ir leben,

als es frawen wol gezam.

do sei der lantgraue nam,

da wart daz buch zu Chleue uerstolen

einer frawen, der es waz beuolen,

dez wart div grauinne gram

dem grauen Heinrich, der es nam

vnd er es dannen sande

zu Duringen zu seinem lande.

da wart daz maere do gescriben

anders denne, ob es dem maister

wer beliben.

daz mach man sagen für war.

Es war von Veldeke Heinrich.

Vielen ist bekannt,

daß er sich aufs Dichten verstand.

Es ist schon lange Zeit her,

als er den größeren Teil bereits gedichtet

und ins Deutsche übertragen hatte -

bis zu dem Punkt, als der Herr Eneas

den Brief von Frau Lavinia las -,

und er wollte es zu Ende bringen.

Doch wurde er daran gehindert.

Der Grund war ein kleines Ärgernis.

Das kleine Buch war ihm abhanden gekommen.

Einer Dame hatte er es

zum Lesen und Anschauen überlassen,

bevor er damit fertig wurde.

Das war die Gräfin von Kleve,

die freigebige, vortreffliche

und großmütige.

Sie verstand, nach Herrenart zu geben.

Vorbildlich war ihr Leben,

Wie es edlen Frauen wohl ansteht.

Als sie der Landgraf zur Ehe nahm,

wurde das Buch in Kleve

einer Dame, der es anvertraut war, gestohlen.

Die Gräfin wurde darüber

dem Grafen Heinrich gram, der es an sich genommen

und heim nach Thüringen

gesandt hatte.

Dort wurde dann später die Erzählung

anders aufgeschrieben, als wenn sie der Meister hätte behalten können.  

Das ist die reine Wahrheit.

 

Mit dieser Kriminalgeschichte von Diebstahl und Heimfahrt eines Buches ist das niederrheinische Kleve zum ersten Mal in der poetischen Literatur verewigt. Die Zeilen stammen aus dem Epilog der “Eneide”1, jenem Minne- und Ritterroman, mit dem der mittelhochdeutsche Dichter Heinrich von Veldeke die erste (Vers-) Erzählung in deutscher Sprache kreierte. Die Passage gibt dem Leser Rechenschaft darüber, warum die Fertigstellung des Werkes nach der Bearbeitung von bereits ca. 80% des Textvolumens für mehrere Jahre auf sich warten ließ und darüber hinaus wohl auch noch inhaltlich modifiziert werden mußte. Trotz dieser (literatur-) historischen Konstellation sei vor einem verfrühten Lokalpatriotismus gewarnt: Der poetischen Substanz dieser Dichtung wäre nichts abträglicher, als in ihr den kulturgeschichtlichen Rang Kleves hineinästhetisieren oder sie gar als “niederrheinische Dichtung” provinziell verengen zu wollen. Im Gegenteil: Rhetorik und Aussage der “Eneide” wie vor allem der Minnedichtung Heinrichs sind geradezu avantgardistisch auf die Überschreitung von Dialekt- und Genregrenzen hin angelegt. Heinrich von Veldeke kann so nicht nur als Begründer der mittelhochdeutschen epischen Literatur gelten; viele Autoren der nächsten Generationen rühmen ihn als einen der beliebtesten Sänger und Vortragenden seiner Zeit. Gerade das Transitive seiner Poesie aber macht ihn zum ersten “internationalen” Dichter der deutschen Literaturgeschichte.

 

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Abb. 1: Gastmahl der Königin Dido für Eneas (oben). Eneas berichtet Dido vom Untergang Trojas (unten).
(2) Der Dichter

 

Über das Leben Heinrichs von Veldeke kann der heutige Leser nur die sokratische Klage anstimmen: Wir wissen, daß wir (fast) nichts wissen. Weder sind auch nur die exakten Lebensdaten Heinrichs bekannt noch gar umfassende biographische Einzelheiten verbürgt, auch der Bestand und die Chronologie seiner Werke lassen sich nicht mehr authentisch rekonstruieren. Die Person des Dichters ist historisch wie topographisch kaum faßbar, was aber angesichts der Bedingungen, unter denen im Hochmittelalter Literatur produziert und rezipiert wurde, nicht ungewöhnlich und im Falle Heinrichs auch kein Einzelschicksal ist. Hinweise geben allein die Selbstrepräsentationen des Autors innerhalb des poetischen Textes (wie in der obigen Passage), die aber oft genug fiktional durchdrungen sind und nicht zuletzt auch dem Zwecke der Legendenbildung dienten. Datenabgleiche dieser Selbstszenarien mit außerliterarischen Zeugnissen und Dokumenten ergeben ein sehr lückenhaftes Mosaik, auf dem sich einige spärliche Indizien anführen lassen.

Danach wurde Heinrich um 1150 im Umkreis der Veldeker Mühle (“Velkermolen”) bei dem Orte Hasselt nahe Maastricht geboren. Die Exegese seiner Texte macht deutlich, daß er über ein umfangreiches Schul- und Bildungswissen verfügte: Latein und Französisch, Rhetorik und Versbau, Rechtsprechung und Kirchenrecht, Architektur und Kriegsführung werden auf hohem Niveau verdichtet. Des weiteren war Heinrich mit der römisch-antiken Dichtung (Vergil, Ovid) sowie mit der volkssprachlichen Literatur seiner Zeit (“Annolied”) vertraut. Insgesamt ist davon auszugehen, daß Heinrich den Kanon der zeitgenössischen geistlichen Ausbildung durchlaufen hat. Die philologische Forschung hat seit jeher versucht, aus dem Bildungsgrad Heinrichs Rückschlüsse auf seinen Stand zu gewinnen.2 Unter Einbeziehung seiner Titularien als her (Wolfram von Eschenbach: Parzival 2192,18; Reinbot von Durne: Der heilige Georg 694; Manessische Liederhandschrift) und meister (Eneasroman 13430, Herbort von Fritzlar: Liet von Troie 17381; Wolfram von Eschenbach: Willehalm 76,24; Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens 2172; Weingartner Liederhandschrift) sah man ihn wechselweise als Clericus, Ritter, Ministerialadel, Kanoniker, Magister, Hofkleriker, Spielmann oder adligen Hofpoeten.

Letzte Antworten sind hier jedoch ebenso wenig beizubringen wie auf die Frage noch der Dauer, dem Motiv und dem Verlauf seines Aufenthaltes in Kleve.3 Allgemein wird die Klever Hochzeit der Gräfin Margarete mit dem Landgraf Ludwig  von Thüringen um 1174 zum Anlaß seiner Anwesenheit erklärt. Nach dem Klever Verlust des Eneas-Manuskriptes wird Heinrichs Teilnahme am Mainzer Hoffest 1184 versichert. Der Epilog der “Eneide” berichtet weiter die Rückgabe des Werkes “seit waz daz buch nivn iar maister Hainreich benomen” durch den Pfalzgrafen Hermann von Sachsen (später Landgraf von Thüringen) und dem Auftrag zu seiner Vollendung. Thüringen und die Neuenburg sind als letzter Aufenthaltsort Heinrichs bekannt, der wohl noch vor der Jahrhundertwende starb.  

 

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Abb. 2: Dido stürzt sich ins Schwert und sucht den Tod in den Flammen (oben). Didos Schwester Anna und diu wissaginne finden die Königin (unten).

 

(3) Das Werk

Unter dem Signet Heinrichs von Veldeke sind bis heute drei Werkkörper übermittelt, die sich vor allem in Hinsicht auf ihr Genre voneinander unterscheiden. Noch vor der Entstehung des Eneasromans datiert die volkssprachliche Bearbeitung der beliebten und durch die Jahrhunderte tradierten Servatius-Legende. Im Auftrag der Gräfin Agnes von Loon (heute Looz bei Hasselt) verfaßte Heinrich nach einer lateinischen Vorlage “Vita S. Servatii” rund 6000 Verse über das gottesfürchtige Leben und wundertätige Weiterwirken des Maastrichter Bischofs und Heiligen Servatius von Tongern aus dem 4. Jahrhundert. Der Text ist die umfangreichste mittelalterliche Verslegendendichtung in deutscher Sprache. Heinrichs Darstellung bleibt inhaltlich in beiden Teilen der Legende, sowohl in der “Vita” wie in der “Miracula”, sehr eng an der vorliegenden Partitur, so daß der Text als populärer Werbeträger des Maastrichter Pilgerwesens und Verehrungskultes funktionieren konnte.

 

Mit dem Eneas-Roman wendet sich Heinrich der profanen Dichtung zu. Vorlage ist hier der französische “Roman d'Eneas”, der bis 1160 abgeschlossen war. Zwischen dem etwas älteren “Roman de Thebes” und dem wenig später nachfolgenden “Roman de Troie” bildet er das chronologische Mittelstück einer epischen Trias, die (im Rückgriff auf Vergil und Ovid) klassisch-antike Erzählstoffe in den Kontext ritterlich-höfischer Topoi sowie der Minneästhetik adaptiert und dabei eine sehr moderne Rhetorik (Kurzvers, Paarreim, Ersetzung der Assonanzen durch reine Reime) anschlägt Mit seiner Übersetzung also vermittelt Heinrich seinem adligen Publikum den literarischen dernier cri. Wenn auch der Auftraggeber der maasländisch-rheinischen “Eneide” spekulativ bleibt (Gräfin Margarete von Kleve?), so folgt doch auch diese Dichtung dem translatio-Gedanken 4: Das christlich-höfische Mittelalter sieht die Literatur, ähnlich wie den Burgenbau, im Rahmen fürstlicher Förderung und Mäzenatentätigkeit. Sie dient so nicht nur dem Zwecke der Unterhaltung bei Hofe, sondern hat - darin eine zentrale Forderung der karolingischen Renaissance aufnehmend - Standespflicht und Repräsentation zu sein. Nicht zuletzt dokumentiert die Dichtung die kulturelle, gesellschaftliche und herrschaftliche Legitimität des sie veranstaltenden Adelsgeschlechtes. Gerade diese “genealogische” Tauglichkeit hatte die Eneassage bereits welthistorisch unter Beweis gestellt. Die gut 13500 Verse der “Eneide” bilden so nicht nur den ersten höfischen Versroman in deutscher Sprache; sie sind das vielleicht bedeutendste Verbindungsmedium einer entwickelten literarischen Hofkultur westlich des Rheins mit den ambitionierten Provinzhöfen des deutschen Reichs.

 

Einen dritten und den wohl dichterisch freiesten Textkorpus Heinrichs von Veldeke stellen die Minnelieder dar. Dabei handelt es sich um rund 40 erhaltene, meist einstrophige Gesänge, die sich mit den rhetorischen Formen des provenzalischen Minnesangs sehr vertraut zeigen und wohl parallel zur Servatiuslegende und zum Eneas-Roman entstanden sind. Ihr künstlerischer Gehalt speist sich vor allem aus der Beobachtung, daß sie - darin den anderen Werken Heinrichs gleich - nicht allein dialektale Begrenzungen zu transzendieren beabsichtigen, sondern darüber hinaus ihr Genre auf geradezu unerhörte Weise zu parodieren trachten. Gerade die Minneästhetik Heinrichs erschien den zeitgenössischen wie nachfolgenden Sängerkollegen so spektakulär und epochemachend, daß der im Titel vorgestellte Ausruf Gottfrieds von Straßburg (Tristan 4728) beileibe nicht das einzige Zeugnis des idolischen Nachruhms Heinrichs bis tief in das 14. Jahrhundert hinein darstellt.  

 

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Abb. 3: Eneas’ Kampf gegen den Etruskerkönig Mezzentius (oben). Eneas tötet Lausus im Zweikampf (unten).

 

(4) Die Sprache

 

Sowohl die Legende als auch der Roman dürfen als Gebrauchstexte angesehen werden, die von ihren Auftraggebern mit einem (politisch) überregionalen Zweck unterlegt wurden; sie haben Funktionscharakter. Die Legende diente der Promotion des Maastrichter Pilgertourismus, war aber durch die um 1170 erfolgte Heirat der Grafin Agnes von Loon mit dem Wittelsbacher Grafen Otto von Scheyern sicher auch in die oberdeutschen Gebiete ausgerichtet. Die Einkleidung des antiken Aeneis-Mythos in das Gewand des ritterlichen Hofes dokumentiert die genealogische Legitimität, aber auch die wirtschaftliche Stärke (zuletzt) der thüringischen Adelsmacht und sollte damit eine gewisse imperiale Außenwirkung wohl nicht verfehlen. Einen Prospekt ganz eigener Art stellen die Minnelieder dar: hier präsentiert sich das individuelle dichterische Talent selbst. Die mittelalterliche Textrezeption zeichnet sich vornehmlich dadurch aus, daß es ihr weniger auf eine Leseliteratur als vielmehr auf den Vortrag oder den Gesang ankommt. Dabei handelt es sich um eine primär audiovisuelle, erst in zweiter Linie kognitive Wahrnehmung. Ein Dichter, der erfolgreich sein wollte, mußte seine Sprache mithin nicht nur an die Funktionalität des Textes koppeln können, er mußte auch beim Publikum “ankommen”, also: unterhaltsam sein. In einem sehr streng fixierten Format wie dem Minnesang konnte dies nur über die Entwicklung rhetorischer wie inhaltlicher Besonderheiten gelingen. Für einen Vortragenden wie Heinrich von Veldeke, der als “freie Honorarkraft” von Hof zu Hof zieht und seine Dienste anbietet, mußte die oberste dichterische Maxime also lauten: Herstellung von Unverwechselbarkeit und interregionaler Verständlichkeit.

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts allerdings war eine über die Dialekträume hinausgehende interregionale oder gar nationale Verkehrssprache, die literarisch hätte verdichtet werden können, noch nicht entwickelt.5 Es bedurfte also einer Verssprache, die geeignet war, die Dialekträume zu übergreifen, semantische wie auch mentale Unterschiede in den deutschen Provinzen zu überbrücken, auch thematisch neue und auch fremde Erzählperspektiven zu eröffnen. Eine Sprache, die nicht in lokalen Kontexten verharrt, sondern einen experimentellen Gestus annimmt, die aus dem “Raum” in die “Welt” hinausdrängt6, “international” wird, mit einem Wort: eine literarische Hochsprache. Während Heinrich noch 350 Verse der Servatius-Legende in einem niederdeutschen Dialekt verfaßte, weisen die ungewöhnlich zahlreichen Zeugnisse des Eneas-Romans sämtlich einen hochdeutschen, weitgehend ins Oberdeutsche tendierenden Schriftdialekt aus, obgleich der überwiegende Teil des Textes im maasländisch-limburgischen, mithin niederdeutschen Dialektraum entstanden sein muß. Auch die in einem limburgischen Idiom eingefärbten Minnelieder sind vornehmlich durch die bedeutenden oberdeutschen Handschriften tradiert. Die Mediävistik schließt mit guten Gründen aus, daß es sich bei den Textzeugen um spätere, sprachlich adaptierte Bearbeitungen handelt. Wahrscheinlicher ist schon, daß Heinrichs Dichtungen eine sich interregional ausbildende Hofsprache annehmen bzw. eine solche mitkreieren.7 Daß gerade im ausgehenden 12. Jahrhundert eine Normierung vor allem des mitteldeutschen aristokratischen Sprachstandards angestrebt, ein feudaltypischer Sprachgebrauch als Medium des Standes- und Bildungsbewußtseins verstanden wurde, ist aus anderen Quellen überliefert.8

Die verssprachliche Innovation Heinrichs besteht also in der übersetzerischen Gestaltungsfreiheit, die er sich gegenüber seinen Vorlagen nimmt, sowie in der Tendenz zur Vereinheitlichung einer ritterlich-höfischen Sprachkultur. Wenn Heinrich am Ende der “Eneide” auch treuherzig versichert, “al nach der warheide” übersetzt zu haben, so machen doch gerade die eingeflossenen Umstrukturierungen, Interpretationen und konzeptionellen Verschiebungen die künstlerische Eigenständigkeit des Werkes aus. Dies wird, im direkten Vergleich mit Vergils “Aeneis”, besonders in der Erweiterung des Minnegeschehens zwischen Eneas und Dido deutlich: der mythologische Rahmen der antiken Darstellung weicht einer profanzotigen, ausschmückenden Erzählhaltung, die mit dem Publikum und seinen Erwartungen spielt und dabei prickelnde Spannung erzeugt.

Dido jedoch und der Fürst aus Troja finden zur selben / Höhle: und Tellus zuerst und Juno, die Göttin der Ehe, / Geben das Zeichen; da flammen die Blitze, als Zeuge des Bundes / Flammt der Äther, aufheulen vom höchsten Gipfel die Nymphen. / Jener Tag ist als erster des Todes, als erster des Unheils / Ursach geworden; nicht Anstand noch Ruf beirren von nun an / Dido; nicht mehr sinnt sie auf heimliche Liebe, sie nennt es / Ehebund; so verbrämt sie die Schuld mit ehrbarem Namen.9

 

Die antike Szenerie liest sich in der Bearbeitung Heinrichs so10:

 

da Muse daz werden

des lange gigert was.

do nam der herre Eneas

die frowen under sin gewant.

wol gischaffen er sie vant,

er begreif sie mit den armen.

do begunde ime irwarmen,

als sin fleis und sin blut.

do heter manlichen mut,

da mite giwan er di obirn hant,

der frowen er sich underwant.

in enwas niemen na,

sie beidiv waren eine da,

vil schone was div stat.

minnecliche er sie bat,

daz siv in gewerte,

des siv selbe gerte.

idoch sprach siv da wider,

und er legite sie da nider,

als ez Vernvs geriet.

si enmochte sich erwern niht.

er tet daz er wolde,

so daz er ir hulde

manliche behielt.

ir wizzet wol, was des gewielt.

Do ez also was chomen,

als ir wol habet uernomen,

vnd daz si solden riten,

do was in churzen ziten

ir gewant worden naz.

idoch was ir vil baz,

denne siv da heime ware beliben.

daz tier was rechte getriben,

so der man so schivzet,

daz er sin genivzet,

so liebet ime div vart.

Da sollte denn das geschehen,

was lange herbeigesehnt worden war.

Der Herr Eneas

barg die Frau unter seinen Mantel.

Er spürte, wie schön sie war,

und umschlang sie mit den Armen.

Fleisch und Blut wurden

ihm heiß.

Mit männlichem Verlangen

behielt er die Oberhand

und nahm die Frau in Besitz.

Niemand war da,

nur sie beide alleine,

die Stelle war sehr schön.

Voller Liebe bat er sie,

sie möge ihm das gewähren -

wonach sie doch selber verlangte.

Trotzdem sprach sie dagegen,

aber er legte sie auf den Boden,

von Venus beraten.

Sie konnte sich nicht wehren.

Er tat mit ihr nach seinem Willen,

doch so, daß er sich ihre Zuneigung

mannhaft erhielt.

Ihr wißt schon, wie er sich ihrer annahm.

Als es dahin gekommen war,

wie ihr gehört habt,

und sie wieder aufbrechen sollten,

da war in kurzer Zeit

Didos Kleidung naß geworden.

Dennoch ging es ihr viel besser,

als wenn sie daheim geblieben wäre.

Das Wild war in rechter Weise getrieben, und wenn der Mann so zum Schuß kommt, daß er sein Vergnügen findet,

so freut ihn die Unternehmung.

 

Die spätere, auch im Sinne der Minneästhetik etwas züchtiger verlaufende Liebesgeschichte zwischen Eneas und Lavinia (sie fehlt bei Vergil ganz und geht auf die französische Vorlage zurück) trägt dann eher der Funktionalität des Textes als Forderung einer Ritter- und Adelsdoktrin Rechnung. Heinrich von Veldeke wird die Hochzeitsfeier der Liebenden in eine direkte Analogie zum Mainzer Hoffest stellen und die Eneasgeschichte im Ganzen mit einer welt- und heilsgeschichtlichen Perspektive versehen.

Bereits hier wird auch deutlich, mit welchen rhetorischen Mitteln Heinrich von Veldeke einen dialektalen Ausgleich in seiner Verssprache anstrebt. Das auffallendste Charakteristikum ist der tendenziell reine Reim, der keine regionalen Dialektmerkmale aufweist und so von einem begabten Sprecher sowohl im Niederdeutschen als auch im Mittelhochdeutschen aktivierbar und transferierbar war. Die Gestaltung dieses sogenannten neutralen oder transitiven Reimes läßt sich verstärkt in den Minneliedern beobachten.11

 

Normalisiertes Mittelhochdeutsch

Altlimburgische Form

In dem aberellen sô die bluomen springen

so loubent die linden und gruonent die buochen,

sô habent ir willen die vogele und singen,

wan si minne vinden, alsdâ si suochen  

an ir gnôz, wan ir blîdeschaft ist grôz, der mich nie verdrôz.

wan sie swîgen al den winter stille.

In den aprillen sô die blûmen springen

sô louven dî linden ende grûnen dî bûken

sô heven bit willen di vogele here singen,  

sint sî minne vinden al da sî sî sûken

ane heren genôt, want here blîtscap is grôt der mich nîne verdrôt,

want sî swegen al den winter stille.

 

(Im April, wenn die Blumen aufgehen, die Linden blühen und die Buchen grünen, wenn die Vögel singen wollen, da sie Minne finden; überall ihren Genuß suchen, da ihre Freude groß ist, verdrießt es mich nicht. Denn sie schwiegen den ganzen Winter still.)

 

Heinrich von Veldeke bedient sich hier einer Reimtechnik, mit der er Umformulierungsnöten, Stilbrüchen und Verfremdungseffekten elegant aus dem Weg gehen kann. Wenn sich auch mit diesem Verfahren die Anzahl der in Frage kommenden Reimwörter naturgemäß beschränkt, so hat Heinrich in Hinsicht auf die Kommunikabilität seiner Texte doch Maßstäbe gesetzt. So zeigt sich auch von dieser textlinguistischen Beobachtung aus die Projektion der Dichtung Heinrichs auf die mittel- und oberdeutschen Gebiete, auf Südhessen und Thüringen. Diese Richtungstendenz zum Südosten korreliert mit der zeitgenössischen Literatursituation, in der sich Brabant und Flandern mehr an Frankreich orientieren. Indem der Niederrhein zum Umschlagplatz der Adelskulturen des romanischen Westens avanciert, kann Heinrich quasi als Kulturimport, als Vermittler von Romania und Germania verstanden werden.  

 

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Abb. 4: Lavinia schreibt einen Brief an Eneas (oben). Lavinia läßt den Brief an einem Pfeil zu Eneas hinüberschießen (unten).

 

(5) Die Minne

 

Das dominierende Thema der “klassischen” Minnelyrik ist die erfolglose Bitte um Liebe und Zuneigung der angebeteten Dame. In einer ansonsten bunten und fröhlichen Weit sucht das lyrische Ich die Huld der Minne, ohne die es nicht existieren kann. Die Situation des Minnesängers ist durch eine etwas traurige und nachdenkliche Grundstimmung geprägt. Im Gegensatz zum modernen, psychologisch geschulten Subjekt verinnerlicht der Minnesänger die Suche nach den Gründen für diesen Seelenzustand, zudem läßt er die Schuldfrage offen. Er fädelt ein Spiel ein, das dem mittelalterlichen Hörer vertraut ist: beide wissen um die Unerreichbarkeit der Dame. Das daraus resultierende Leiden kann wiederum nur im Minnedienst, der gegebenenfalls über den Tod hinausreicht, überwunden werden. Im Rahmen dieser Doktrin bewegt sich zunächst auch die Minnedichtung Heinrichs:

Ich levede êre te ungemake

seven jâr êre ich ît sprâke

weder heren wille einech wort.

dat hevet sî vele wale gehôrt

ende wele doch dat ich clage mêre:

noch is dî minne alse sî was wîlen êre. 12

(Ich würde eher sieben Jahre kummervoll leben, als daß ich gegen ihren Willen ein einzig Wort spräche. Das hat sie sehr genau vernommen und will doch, daß ich weiterhin klage: die Minne ist eben noch immer, wie sie vormals gewesen ist.)

 

Das Minnelied ist hier nicht durch die verwirklichte Liebe, durch das personale Verhältnis von Ich und Du, sondern einem anderen Gehalt nach motiviert: Der entscheidende Impuls ist das Ideal einer Manneserziehung, deren zentrale Tugenden wie Ritterlichkeit, Höflichkeit, Unterordnung, Demut und Entsagung eine Umkehr authentischer männlicher Lebenserfahrung in der zweiten Hafte des 12. Jahrhunderts leisten sollen. Das ästhetische Vergnügen des mittelalterlichen Hörers besteht allerdings weniger in der thematischen Orientierung: dazu ist das Genre zu statisch. Wichtig ist also nicht, was gesagt wird, sondern vielmehr wie es gesagt wird. Der Stoff tritt hinter seine dramaturgische Ausgestaltung zurück. Der Minnesang konstituiert sich als eine Poesie, deren ästhetischer Reiz in den Varianten und Nuancen der Komposition liegt. In der Minnedichtung Heinrichs ist es zunächst die Darstellung der Natur, die die Konvention überschreitet und die Unverwechselbarkeit des Dichters bezeugt. Während es im Mittelhochdeutschen keine reinen Naturgedichte gibt, sondern die Natur vielmehr als atmosphärisches Ambiente für die Liebenden verengt wird, behält sich Heinrich eine freiere Verwendung vor. Er beschreibt die Menschen in der Natur und ihren ungezwungenen Umgang mit der Natur.

In den tîden van den jâre

dat dî dage werden lanc

énde dat wéder weder clâre,

sô ernouwen openbâre

mérelâre heren sanc,

dî uns brengen lîve mâre.

gode mach hers weten danc

dê hévet rehte minne

sunder rouwe ende âne wanc.

(In des Jahres frühen Zeiten, wenn die Tage werden lang, leuchtend sich die Himmel weiten, da erneuern an den Leiten Merlen ihren Lobgesang, die uns liebe Lust bereiten. Dann mag Gott auch wissen Dank, wer trägt rechte Minne ohne Reu und ohne Wank.) 13

Ein zweites Charakteristikum der Minnedichtung Heinrichs ist das parodistische Moment. Hier scheint ein durchaus distanziertes Verhältnis zur Minnedoktrin auf. Das durch den unbedingten Dienst gekennzeichnete Ethos des Minnesängers gerät zu einer Persiflage, die die Grenzen des Genres erreicht.

Gerner het ich mit ir gemeine

tûsent marke, swâ ich wolde,

unde einen schrîn von golde,

danne von ir wesen solde

verre, siech und arme und eine.

des sol sî sîn von mir gewis,

daz daz diu wârheit an mir is.

(Lieber hätte ich mit ihr gemeinsam tausend Marken, wo immer ich wollte, und einen Schrein voll Gold, als daß ich von ihr sollte fern sein, siech und arm und allein. Dessen soll sie meinerseits versichert sein, daß dies die Wahrheit über mich ist.) 14

Lieber reich und gesund als arm und krank: Heinrichs Ausflug in die materielle Welt des pekuniären Schatzes konterkariert sowohl die ritterlichen Mannestugenden als auch die Erhabenheit der Dame. Die Minneideale kehren sich in ganz profane und sinnliche Interessen um und werden sich selber witzig. Damit gelingt Heinrich die zumindest momentane Aufhebung des für das Weltbild des 12. Jahrhunderts so typischen Kontrastes von Ideal und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits, irdischer Vergänglichkeit und Gottesdienst. Auf die selbstironische Spitze allerdings treibt Heinrich das Genre, wenn er die Anrufung der Dame durch eine Warnung an die Minne ersetzt.

Dî minne bidde ich ende mane,

dî mich hevet verwunnen al,

dat sî dî scône dâr tû spane

dat sî mêre mîn geval.

want geschît mich alse den swanen

dê singet alser sterven sal,

sî verlûset te vele dâr ane.

(Die Minne bitte und mahne ich, die mich ganz überwältigt hat, daß sie die Schöne dazu bewege, mein Glück zu mehren. Denn wenn es mir wie dem Schwan ergeht, der singt, wenn er sterben soll, so verliert sie >mit mir, der sie stets gepriesen hat< zuviel dabei.) 15

Hier wird das Minneethos nun völlig auf den Kopf gestellt: Der Liebesgesang geht in einen inneren Monolog über, in dem der Dichter, durchaus selbstbewußt, auf die Gegenleistung seines lyrischen Engagements pocht. Transitiv zeigt sich die Minnedichtung Heinrichs also nicht nur in ihrer sprachlichen Ausgestaltung, sondern ebenso im Ausloten und Überschreiten der Genregrenzen und Hörererwartungen. Mit den Schilderungen der Natur, der Materialisierung der Minnetugend sowie der Einführung einer Dichterpsychologie erweitert, verändert, dynamisiert Heinrich die Horizonte in einer Weise, die seine ungeheure zeitgenössische Popularität erklärt.

(6) Der Kreis

 

Es ist gerade die Eröffnung neuer Horizonte und Perspektiven, die die Literatur Heinrichs von Veldeke auch nach 800 Jahren noch lesens-, hörens- und überdenkenswert macht. In eben dieser Tradition sieht sich der Klever Heinrich-von-Veldeke-Kreis, der als “Gesellschaft für gesprochene Dichtung” seit 1984 eine Fülle literarischer Veranstaltungen und Projekte am ganzen Niederrhein durchführt. Im Zentrum seiner Arbeit steht speziell die deutsche, aber auch die europäische und außereuropäische Literatur aller Epochen bis hin zu ganz aktuellen Texten. Dabei will der Veldeke-Kreis das gedruckte literarische Wort, das für den Leser ja zunächst schwarz und stumm auf dem Papier steht, gesprochen, gezeichnet, getanzt, gesungen darbieten und es so nicht nur zum Kopf, sondern auch zum Ohr, zum Auge, zum Herz, kurz: zur Darstellung bringen. Diesem Transitiven der Poesie, oder einfacher: dieser literarischen Performance hat sich der Heinrich-von-Veldeke-Kreis verschrieben. Wenn sich hier wiederum internationale Autoren, Künstler und Wissenschaftler treffen und der Niederrhein aufs neue zur Traverse literarischer Kulturen wird - ein qualifizierterer Namenspatron als Heinrich von Veldeke ließe sich dabei kaum denken.

Thomas Maier

 

* Überarbeitete Fassung der Veröffentlichung: Thomas Maier: “wie wol sanc er von minnen!” - Literarische Avantgarde in der Minnedichtung Heinrichs von Veldeke. In: Kalender für das Klever Land auf das Jahr 1999. Kleve 1998, S. 60-71.
1 Heinrich von Veldeke: Eneasroman, 13433-13463. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hg. von Hans Fromm. Frankfurt/M. 1992, S. 734f.
2 vgl. A. Schulte: Die Standesverhältnisse der Minnesänger. In: ZfdA 39 (1895), S. 232; vgl. J. Bumke: Ministerialität und Ritterdichtung. Umrisse der Forschung. München 1976, S. 18ff; vgl. H. Fromm 1992, a.a.O., S. 755f.  
3 vgl. J. Bumke: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland 1150-1300. München 1979, S. 115; vgl. W. Schnütgen: Literatur am klevischen Hof vom hohen Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Kleve 1990, S. 11f.
4 vgl. H. Fromm 1992, a.a.O., S. 761.
5 vgl. H. Eggers: Deutsche Sprachgeschichte Bd. 1, 2. Buch. Reinbek 1986, S. 279ff.  
6 vgl. H. Tervooren: ...in einen dale scone ende licht. Ist mittelalterliche Dichtung im rheinischen Raum Heimatdichtung? In: Brücken schlagen... “Weit draußen auf eigenen Füßen”. Festschrift für Fernand Hoffmann. Hg. von J. Kohnen u.a. Frankfurt/M. 1994, S. 237.
7 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Hg. von D. Kartschoke. Stuttgart 1986, S. 857f.
8 ebenda. Vgl. auch die hier gegebenen Literaturverweise.
9 Vergil: Aeneis, 4. Buch. Übersetzt von J. Götte. München 1990, S. 99.
10 Eneasroman 1832-1867. H. Fromm 1992, a.a.O., S. 108ff.
11 Des Minnesangs Frühling, Bd. 1. Hg. von H. Moser und H. Tervooren. Stuttgart 1977, S. 124f. Der folgende Text wurde aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit vom Verfasser in Langzeilen umgestellt.
12 Aus Minnesangs Frühling. Hg. von C. von Kraus. Leipzig 1948, S. 21.  
13 Deutscher Minnesang (1150-1300). Hg. von F. Neumann. Stuttgart 1978, S. 32f. 
14 H. Tervooren 1994, a.a.O., S. 235.
15 C. von Kraus 1948, a.a.O., S. 21, 60.